Ironman Frankfurt – Radfahren

Ironman ist nichts für schwache Beine, aber für schwache Nerven schon garnicht. Und weil es ohne Spannung langweilig wäre, hat sich das Schicksal für mich auf dem Rad etwas ganz besonderes einfallen lassen.

Nach dem Schwimmen wollte ich gasgeben auf dem Rad. Aber das Unverhoffte kommt oft.  Mir bescherte es gleich zwei Überraschungen auf der Strecke.

In der Wechselzone nahm ich mir Zeit. Neo ausziehen, Gel essen, Füße abspülen (kleine Flasche Wasser einpacken), abtrocknen und  Vaseline an alle wichtigen Stellen schmieren. Sonnencreme auftragen, Klamotten an und fertig. Den Ablauf hatte ich schon im Training drauf. Schon stöckelte ich los, mit dem Helm auf dem Kopf und den nicht fürs laufen geeigneten Rennradschuhen. Viele Räder standen nicht mehr in den Ständern, aber ich war trotzdem gut drauf. Das lag auch an meinen Unterstützern, die ich nun durch einen Zaun sehen konnte – tausend Dank! Ich klickte die Schuhe in die Pedale und trat an.

Ironman – Radfahren

Endlich Zeit zum Essen, trinken und sammeln der Gedanken. Ich lies es langsam angehen auf den ersten 10 Kilometern bis Frankfurt, überholte aber bereits ein paar Mitstreiter. Unter dem Jubel der Leute ging es weiter – wahnsinniges Frankfurt, das ist echte Ironman-Stimmung. Aber ich wusste, das nun die ersten Hügel warteten. Das Hinauffahren von  „The Beast“ und dem Hühnerberg ist mit einem Auto problemlos zu schaffen. Mit einem Rennrad kann es schonmal weh tun. Langsam hochschrauben und nicht den Helden spielen – das war meine Taktik und siehe da, alles cool. Aber ich wusste, dass es in der zweiten Runde noch schwerer sein würde.

Als ich den Gedanken gerade unterdrückte, hörte ich ein komisches Geräusch. Pfft, pfft, pfft, pfft…oh nein! Das Hinterrad lies Luft, und schon fuhr ich auf der Felge. Mitten auf der gesperrten Landstraße, irgendwo im Nirgendwo hatte ich einen Platten.  Notfallplan: Rad ausbauen, Reifenheber ansetzen, Mantel abnehmen, Schlauch raus, neuen Schlauch ansetzen, irgendwie reinfummeln, ein Bisschen Luft rein, wieder fummeln, Mantel festmachen, Luft aufpumpen, pumpen, pumpen.

Etwa 10 Minuten dauerte die Wartung und ich war einigermaßen stolz, keine Panik bekommen zu haben. Im Training hatte ich nie platte Reifen, aber regelmäßig Trockenübungen gemacht – zum Glück. Ölverschmiert aber glücklich setzte ich meine Fahrt fort, nicht ohne ein leichtes Schlagen im Reifen zu bemerken. Hmm… wird sich schon legen. Aber das tat es nicht. Ein paar Kilometer weiter entschloss ich mich den Reifen nochmal abzunehmen, um nachzusehen.

Ironman-Unterstützer mit Technik

Sah eigentlich alles gut aus, bis auf den Reifendruck, den ich mir meiner Handpumpe nicht härter bekam. Als ich den Reifen wieder einbauen wollte, fuhr das auf der Strecke eingesetzte Technikteam vorbei, hielt an und die beiden Mechaniker kamen mir mir einer Standpumpe entgegen. Ich war überrascht. Mit flinken Griffen packten sie den Reifen, pumpten, und waren schon wieder auf den Weg zum Auto – wie ein Sondereinsatzkomanndo. Ich rief noch „danke“ hinterher und machte mich meinerseits auf den Weg. Ich hatte wieder Luft, aber mein Zeitpuffer schmolz dahin. Den Zeitverlust musste ich irgendwie wettmachen. Dem Besenwagen wollte ich schließlich nicht begegnen. Also gab ich Gas, nicht wissend, dass mir derselbe Reifen noch mehr Schwierigkeiten machen würde.


Mit ausreichend Luft im Reifen schoss ich über die Strecke – gefühlt. Natürlich waren viele schneller als ich und bereits auf der zweiten Runde. Aber das vermieste mir nicht die Laune. Die Dörfer durch die wir fuhren waren voller applaudierender Menschen. Meine Beine fühlten sich gut an und die Ess-Strategie ging auf. Jede halbe Stunde ein Gel und alle paar Minuten etwas Sportgetränk. Wasser gab es nur zum Nachspülen oder über den Kopf, zum kühlen. An den Verpflegungsposten ging es dann immer so: Wasserflasche überm Kopf ausschütten, wegwerfen. Zweite leere Flasche hinterher. Gels greifen, Neue Flaschen greifen, weiterfahren. 

So ging es bis Frankfurt. Was? Frankfurt? Die erste Runde war fast zu Ende? Super. Schon schoss ich auf einer langen Gerade Richtung Skyline, übersah fast ein paar Freunde, die mich anfeuerten. Ein kurzes Gespräch, dann weiter. Noch mehr Freunde am Straßenrand. Ein kurzer Stopp. Die Liebste. Wieder weiter in die Stadt. Jubel und die Kurve zur zweiten Runde. Volle Kraft voraus!  Ich zischte ab und dann zischte es unter mir. Da war er wieder, der platte Reifen. Ich stand auf einer langen, öden Ausfallstraße. Kein Jubel mehr, keine Leute. Wenn ich den Reifen so schnell wechseln würde wie meine Stimmung gerade wechselte, dann könnte es schnell gehen. Tat es aber nicht. 

Am Ende wusste ich nicht wie lange ich dort gestanden habe. Ich war nur froh einen zweiten Ersatzschlauch dabei gehabt zu haben. Damit war aber auch mein letzter Rettungsanker verbraucht. Daran wollte ich aber nicht denken.

Noch ein Platten

Den nächsten Platten hatte dann auch nicht ich, sondern ein Vordermann, der winkend am Straßenrand stand. „I need help. Now!“, rief er eindringlich, nachdem ein weiterer Mitstreiter einfach weiter gefahren war. Ein schickes Rad hatte er ja, nur hatte er leider auch vergessen, wie man Reifen wechselt. Erst bekam er den Reifen nicht raus und dann setzte er die Druckluftpatrone, die den Reifen im Nu aufpumpt, falsch an. Pfft…und leer und der Reifen immer noch platt. Schon fiel sein Blick auf meine Luftpumpe und mein Blick auf die Uhr. „Los Junge, mach hin“, verstand er zwar nicht, weil er kein deutsch und englisch konnte und weil ich es auch nur dachte und nicht sagte. Endlich konnte ich weiter. Wenn ich meine Geschwindigkeit halten konnte, würde ich die Wechselzone zwanzig Minuten vor der Zeitgrenze erreichen.

Auf der Strecke war nun nichts mehr los. Die Streckenposten bereiteten sich auf den Feierabend vor und einige Athleten saßen ausgelaugt am Straßenrand. Sie hatten aufgegeben – nix mit Ironman. Meine Laune war immer noch gut, als ein Auto zu mir aufschloss. „Alles in Ordnung?“ fragte der Beifahrer. „Ja, zwei platte Reifen, aber okay“, sagte ich. „Gut, aber leider müssen wir dich jetzt aus dem Rennen nehmen.“ Ich begriff nicht, fragte ob das schon der Besenwagen sei. „Ja. Du kannst mit uns nach Frankfurt fahren oder jetzt auf direktem Weg zurück.“ In meinem Kopf ratterte es. Was sollte ich jetzt machen? Aufhören und meinen Leuten an der Laufstrecke sagen, dass wir nach Hause gehen können?

Nixda! Mein Ziel war die Strecke, nicht die Zeit. Ironman muss man auch im Kopf sein. Also fuhr ich mit abgedeckter Startnummer und endgültig disqualifiziert weiter, darauf bestand der Offizielle und brauste davon. Aber nur bis zum nächsten Athleten, dann wurde er wieder langsamer und es verging etwas Zeit, bis der nächste Radler raus war. Mittlerweile hatte ich aufgeschlossen und den Besenwagen sogar wieder überholt. Wenn die das bei jedem machen, hatte ich eine Chance auf der gesperrten Strecke weiter zu fahren und die Verpflegungsposten zu nutzen. Jetzt hieß es: alles oder nichts. Ironman oder Schlappnudel. Wieder überholte mich der Wagen, dann war ich wieder vorn. Das Spiel wiederholte sich mehrmals. Ich heizte durch die Orte und unterdrückte jede Art von Schmerz und schlechten Gedanken — ich hatte ja nichts mehr zu verlieren. Nur nicht so enden wie die, die am Straßenrand lagen. Immer weiter, immer weiter! 

Irgendwo nahe eines Vorortes vor Frankfurt schloss der Besenwagen wieder zu mir auf. Mann, war der hartnäckig! Oder ich ganz einfach zu langsam? Ich schauhte nicht rüber, wollte nicht wieder zurückfallen und gab gas. „Ich weiß zwar nicht was mit dir los ist, aber ich nehme die Disqualifikation zurück“, hörte ich von der Seite. Dann noch irgendwas von einer Korrektur im System, die später wirksam werden würde und dass ich auf jeden Fall wieder in der Wertung wäre. Natürlich überkam mich eine riesen Freude. War das geil! Ich war wieder dabei. Gleichzeitig stellte ich mir vor wie meine Frau und alle anderen Unterstützer im Livetracker lesen mussten, dass ich raus war. In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Meinte der das mit System? Und waren jetzt alle auf dem Nachhauseweg, während ich meine zweite Chance bekam? Das durfte einfach nicht sein.

Mehr im nächsten Teil – dem Marathon