Ironman Frankfurt – Der Marathon

Die letzte Etappe des Ironman war die Belohnung für alle Strapatzen und ein Traum für jeden Triathlethen.

Mit dem neu entfachten Feuer der Ironman-Leidenschaft, die die Rückname der Disqualifikation brachte, trat ich die letzten Male in die Pedale, sprang ab und lief in die Wechselzone am Main. Fahrrad abstellen, Beutel suchen, schon saß ich auf der Bierzeltbank im Wechselzelt, in dem nicht mehr viel los war. Aber nur kurz, schließlich musste ich Zeit gutmachen. War überhaupt noch jemand da, den ich kannte oder waren alle schon zu Hause nach meinem Aus? Würde ich es bis 22 Uhr ins Ziel schaffen? 

Mit einem Energiegel im Mund trabte ich behutsam an und merkte wie gut es lief. Keine Gummibeine, über die viele nach dem Radfahren klagen. Ich lief schneller und flog geradezu auf die Strecke, vorbei am Frankfurter Römer, auf dem die Hölle los war. Hier würde ich hoffentlich auch in ein paar Stunden abbiegen dürfen. Aber erst wenn ich alle Armbänder – für jede Runde eins – eingesammelt hatte. Viermal am Main rauf und runter. Einige Mitläufer trugen bereits ein paar der farbigen Armbänder auf die ich neidisch schielte. Die Profis lagen bestimmt schon im Pool und Jan Frodeno, den ich für den Favoriten hielt, war schon längst auf dem Weg nach Hause. 

Schnell lief ich zu der Stelle an der meine Unterstützer stehen wollten, ein kleines Café direkt am Fluss. Tja, da standen viele, aber ich kannte niemanden – Mist! Beide Ufer waren voll mit Menschen, die jubelten, an Verpflegungsstellen Wasser austeilten oder einfach die heiße Sonne genossen. 

Und dann standen sie da, hundert Meter weiter, meine Frau und Freunde – juhu! Ich wollte anhalten und erzählen was alles los war, aber sie drängten mich weiter zu laufen, nach einer kurzen Erklärung. 

Ab jetzt lief ich noch schneller und fand einen flotten Rhythmus. Ein Bisschen Angst mich zu überschätzen hatte ich zwar, aber ich riskierte es. Schon schnappte ich mir das erste Armband und die Stimmung an der Strecke trieb mich weiter. Mein Ziel war das blaue Band der dritten Runde, ohne Gehpausen machen zu müssen. Und es lief. Scheinbar traf ich genau die richtige Dosis bei Geschwindigkeit, Essen und Trinken. Wieder ging es vorbei am Römer. 

Nur wenige überholten mich, aber ich überholte viele. Ich bekam das blaue Band. Das machte mir Mut, ich machte alles richtig. Und dann bekam ich das vierte Band – rot. Plötzlich ging alles so schnell, ich war auf der Zielgeraden, musste noch über eine Brücke. Eine kurze Übelkeit verdrängte ich. Irgendwelche Gepausen hatte ich total vergessen. Die Sonne ging schon unter und tauchte die Hochhäuser Frankfurts in tiefrotes Licht. Und dann kam die Abzweigung zum Römerberg in Sicht. Gleich durfte ich hinauf, dorthin wo die Hölle los war und das Publikum tobte. Jetzt. 

Ich lief, schaute in tausend Gesichter, hörte die Musik, spürte die Gänsehaut und jemand rief meinen Namen. „Und hier kommt Nils!“, schepperte es aus den Lautsprechern. War das eine Halluzination? Oder hatte der Moderator vor der Bühne mein Namen auf der Startnummer abgelesen? Der rote Teppich war mein. Cheerleader tanzten, Menschen jubelten und fuchtelten mit Wunderkerzen, ich lief ins Surreale. Das muss eine Halluzination sein, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Und dann trat ich über die Ziellinie. Nach 14 Stunden und 36 Minuten – gleich würde ich bestimmt vor Erschöpfung umfallen. Ich drehte mich zurück zur Tribüne. Wenn ich schon ohnmächtig werde, dann wenigstens mit einem Lächeln auf den Lippen. Jemand tippte mir auf die Schulter. „Hey Nils, gut gemacht“, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und schaute ins Gesicht von Jan Frodeno. In der festen Überzeugung wirklich kurz vor dem Kollaps zu stehen nahm ich den Mann einfach in den Arm. Na gut, wenn ich schön träume, dann kann ich es auch genießen. „Cool und bei dir? Hast du gewonnen?“ 

Schon tippte wieder jemand auf meine Schulter.  Eine Frau stand hinter mir, die ich nicht kannte. Sie gab mir einen Becher Wasser in die Hand.  Da kam noch eine Frau und sagte: „Gut gemacht“, und nahm mich in den Arm. Das war Daniela Ryf, die Erste der Frauen, und ich wahrscheinlich immer noch am träumen. Vermutlich lag ich auf einer Trage und ein Arzt würde mich gleich wecken. Aber nichts dergleichen geschah. 

Stattdessen sah ich meine Frau und meine Freunde. Das war kein Traum und ich würde nicht umfallen – alles war echt. Ironman !

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