Du, Ultraläufer!

Im Moment lerne ich viele Leute kennen. Mein neuer Job, eine neue Laufgruppe und die beginnende Workshop-Saison machen es möglich. Und wenn jemand mitbekommt, dass ich Ultraläufer bin, heißt es schnell: „Das ist nichts für mich“. Doch! Und Deswegen ist es Zeit die Lanze zu brechen – Für das ultralange Laufen.

Ich verstehe schon, viele denken Ultramarathons zu laufen wäre so, wie normale Marathons hintereinander abzuspulen, Stress und Strapazen eingeschlossen.

Viele denken man müsse viel härter trainieren und die Strecken aus dem Marathontraining verdoppeln oder verdreifachen.

Und viele denken, für einen Ultramarathon müsse man geboren und ein krasser Typ Mensch sein. Das können nur Ausnahmeathlet und Athletinnen, die die Kilometer fressen und ständig gut gelaunt im Sprintstil über die Pisten heizt.

Aber dem ist nicht so. Natürlich kann ich nur für mich sprechen, wo ich doch selbst erst einen kleinen Einblick in die große Welt der Ausdauerläufer bekommen habe. Und ja, ich bin befangen. Aber ich bin auch überzeugt, dass jeder der sich darauf einlässt schnell zu den selben Schlüssen kommt. Aber was zeichnet Ultras denn nun aus?

Ultramarathons sind entspannend

Das klingt für Kurzstreckenläufer irrsinnig, wenn man den Stress eines Marathons, eines Halbmarathons oder eines Fünfkilometerlaufes nimmt und potenziert.
Aber das wäre vermessen. Natürlich gibt es Athleten, die auch hundert Kilometer in Marathontempo laufen, aber Zeit spielt bei Ultramarathons nur eine untergeordnete Rolle – im Gegenteil. Es mutet schon fast gemütlich an, wenn sich die Starter eines 320 Kilomterlaufs wie dem WiBoLT in Bewegung setzen. Wer bis zu 90 Stunden unterwegs ist weiß: ankommen ist das wichtigste. Und so it es nicht nur beim WiBoLT.

Okay, kämpfen musst du natürlich auch. Die Langstrecke kann hart werden und du wirst dich bestimmt mehr als einmal durchbeißen müssen. Denn du hast viel Zeit, über das was du gerade tust nachzudenken. Beim Ultramarathon wird es geradezu meditativ und du kannst dir sicher sein, dich selbst nochmal ganz anders kennenzulernen, manchmal auch im negativen Sinne.

Diese Ungewissheit es ins Ziel zu schaffen setzt meiner Meinung nach aber auch eine gewisse Denke voraus – eine nachhaltige, man könnte wohl auch achtsame Haltung sagen. Wem Kurze Wettkämpfe zu stressig sind, sollte mal bei einem Ultra vorbeischauen. Dort wirst du dann auch viele Leute treffen, die einen ausgeglichenen Eindruck machen und oft mitten im Leben stehen. Angeber sieht man höchst selten.

Ultramarathoner trainieren vielseitig

Wer ein Marathontrainingsplan durchzieht, vielleicht auch aus dem gesellschaftlichen Zwang heraus „Du musst mal Marathon gelaufen sein“, denkt sicher Ultras trainieren noch mehr. Aber das stimmt nicht ganz.

Sicher sind die Wochenumfänge manchmal höher, aber mit der Verdoppelung der Wettkampfdistanz verdoppeln sich nicht automatisch die Laufkilometer pro Woche. Auch die langen Läufe am Wochenende übersteigen bei mir die 40 Kilometer nicht. Auch die relativ langsamen Tempi unterscheiden sich vom Marathontraining.

Viel mehr Wert sollte man auf ein vielseitiges Training legen, das auch Stabilitäts- und Krafttraining einschließt. Und das geistige Training darf auch nicht zu kurz kommen. Mal nachts aufstehen, um Erfahrungen in der Dunkelheit zu sammeln oder sich mal absichtlich zu verlaufen, kann nicht schaden.

Ultramarathoner sind (fast) normal

Das schöne bei Ultramarathons ist die Vielseitigkeit seiner Teilnehmer, die eines gemeinsam haben: Sie haben sich für eine große Herausforderung entschieden. Ja, die meisten machen sogar krasse Sachen, nur zeigen es die wenigstens äußerlich. Und selbst 24-Std-Weltmeister Florian Reus oder 6-Std-Weltrekorläuferin Nele Alder-Baerens, die auf der Strecke abgehen, haben sich ihre bescheidene Art bewahrt.

Ein schönes Erlebnis war dann auch die Begegnung mit einer älteren Teilnehmerin eines 100-Kilometerlaufes. Sie erzählte von ihren Lauferlebnissen die ich innerlich als Erinnerung an längst vergangene Tage abtat. Als sie mich dann nach circa 75 km überholte und am Ende auf dem zweiten Platz des Laufes landete, wusste ich, bei den Ultras läuft es anders.

Da ist es egal, wie jung oder alt man ist. In der Tat entscheiden sich viele aber erst im mittleren Lebensalter für einen Ultralauf. Aber die Zahl der jungen Läufer wächst.

Und jetzt sollen alle Ultramarathomer werden?

Bloß nicht. Das würde ja auch den familiären Charakter zerstören. Ich wollte nur eine Lanze brechen, für diejenigen, die laufen lieben, aber sich noch nicht sicher sind wohin die Reise geht. Die sich vielleicht nicht so ganz wohl fühlen in der Welt einer triumphgetriebenen Schnelllaufgesellschaft oder nach Jahren des Laufens neue Wege gehen wollen.

Und sicher ist auch: Nicht jeder ist für Ultraläufe gemacht. Aber wer Spaß daran hat sich selbst großen Herausforderungen zu stellen, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen, muss es unbedingt probieren.

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